Zum Nachdenken

„Die Erde ist des Herrn.“  Psalm 24,1 - oder: Warum ich für einen Nationalpark Spessart bin - angedacht von Dekan Rudi Rupp

Mahnfeuer brennen und Plakate mahnen. Leserbriefe stapeln sich und Diskussionsveranstaltungen sind gut gefüllt. Kein anderes regionales Thema erregt derzeit die Gemüter mehr als die Frage: Soll ein Teil des Spessarts Nationalpark werden oder nicht? Der Riss geht mittlerweile durch Familien und der Tonfall ist bisweilen rau. Die feindlichen Lager sind argumentativ in Stellung gegangen.

Wie bei allen wichtigen Entscheidungen liegt die Wahrheit nicht sofort oben auf. Niemand kann von sich behaupten, ganz Recht zu haben. Und doch scheint es immens schwer, sich wenigstens ein Stück weit in die anderen hineinzuversetzen. Wenn ich die Argumente der Nationalpark-Gegner recht verstehe, sind dies im Wesentlichen vier.

  1. Das erste Gegenargument ist ein Formales. Entscheiden dürften nur die unmittelbar Betroffenen. Also diejenigen, die im Forst arbeiten oder in der Nähe wohnen. Freilich: Ist es nicht Staatswald, über den entschieden wird? Der Staat aber sind wir alle, nicht nur die unmittelbaren Anwohner. Wenn in Aschaffenburg ein Stadttheater betrieben wird, ist das ein kulturelles Angebot für die gesamte Region. Wenn ich auf der dreispurig ausgebauten A3 fahre, genieße ich als Staatsbürger die Mobilität einerseits und finanziere als Steuerzahler die Grünbrücke als ökologische Ausgleichsmaßnahme andererseits. Jedes Mal aber liegt dem eine demokratische Willensentscheidung der Nation zu Grunde. Da sollte ein National-Park keine Ausnahme machen.
  2. Der Spessart solle so bleiben, wie er ist. Und wie das geht, wüssten Förster und Bauern besser als Beamte. Abgesehen von der dahinter stehenden Polemik: Was heißt „so bleiben“? So wie zur Zeit der großen Armut im Mittelalter, als der Wald leer gefegt war, weil die Menschen bittere Not litten? Oder so wie heute, mit einem klaren forstwirtschaftlichen Auftrag und genau definierten wirtschaftlichen Interessen? Oder so wie in der Vorzeit, als das Klima weder Eichen noch Buchen zuließ und „der Spessart“ außer dem Landschaftsprofil nichts mit dem heutigen Zustand gemein hatte? Ob durch Eingriff des Menschen oder ohne ihn: Nichts ist so beständig wie der Wandel. Gerade in der Natur. Klimawandel und damit Landschaftswandel gab es immer und wird es immer geben.
  3. Solche Prozesse aber dauern viele länger als ein Menschenleben. Entscheidungen von heute bewirken Veränderungen, die erst in vielen Jahrzehnten messbar sein werden. Der Nationalpark Bayerischer Wald wurde vor 47 Jahren gegründet und noch heute ist er kein reiner Urwald. In kurz getakteten Zeiten wie heute fällt Warten aber naturgemäß schwer. Zumal kommerzielle Argumente kurz- und mittelfristig interessant sind.
  4. Jahrhundertealte Holzrechte konkurrieren gegen Interessen des Tourismus? Und Mountain-Biker müssen künftig einen Bogen um den Spessart machen? Stets sind es die Interessen und Bedürfnisse von heute. Als Christ bringe ich hier eine andere Sichtweise ins Spiel. „Die Erde ist des Herrn.“, heißt es im 24. Psalm. Biblischer Glaube kennt keine ewigen Eigentumsrechte an Grund und Boden. Sondern Gott hat dem Menschen seine Schöpfung zum Bebauen und Bewahren übertragen. Zum achtsamen Umgang und nicht zur schamlosen Ausbeutung. Der ökologische Fußabdruck heute lebender Menschen brennt sich brutal ein in Gottes Erde. Artensterben und menschengemachte Ödnis gibt es nicht nur in Ostafrika, sondern auch vor unserer Haustüre. Und da sollte es einem so reichen Land wie Deutschland im Jahre 2017 nicht möglich sein, 6,4% der Gesamtfläche des Spessarts dem Zugriff des Menschen zu entziehen? Sind wir so arm, dass wir darauf nicht verzichten können? Ja, ich bin für einen Nationalpark Spessart.